Kein anderes Duell erhitzt im südamerikanischen Fussball die Gemüter derart wie das zwischen Brasilien und Argentinien. Anlässlich unserer Sonderausstellung Brazil 2014 Revisited wollten wir wissen, was die Argentinier vom brasilianischen Fussball halten.

Diego Maradona behauptet den Ball gegen Oscar, WM 1982 | ©Imago - Colorsport
1908 liess sich der argentinische Staatspräsident Julio A. Roca bei einem Besuch in Brasilien von der Nationalmannschaft seines Landes begleiten, um die beiden Nationen mithilfe des Fussballs zu einen. Brasilien hatte damals noch keine Nationalmannschaft, aber eine Auswahl mit Spielern verschiedener Ligen, etwa aus São Paulo oder von der Liga Metropolitana in Rio de Janeiro.

Das erste offizielle Länderspiel folgte am 20. September 1914 in Buenos Aires, das die brasilianische Nationalmannschaft mit 0:3 verlor. Eine Woche später, im Kampf um die Copa Roca, gelang der Seleção in Buenos Aires der erste, wenn auch knappe Sieg (1:0).

Die Duelle standen damals noch weitgehend im Schatten des "Klassikers vom Rio de la Plata" zwischen den beiden Erzrivalen Argentinien und Uruguay. Der dreifache WM-Triumph Brasiliens zwischen 1958 und 1970, der internationale Abstieg Uruguays und die zunehmenden Erfolge Argentiniens ab den 1970er-Jahren verschärften aber die Rivalität, die sich schon in den Jahrzehnten zuvor abgezeichnet hatte.

Sie begann bereits in den 1930er- und 1940er-Jahren bei einigen wichtigen Partien der Copa América. Die Spieler der beiden Equipen lieferten sich jeweils Kämpfe auf Biegen und Brechen. Geschürt wurde die Rivalität auch durch den argentinischen Boykott des Campeonato Sudamericano – des Vorgängers der Copa América – im Jahr 1949 und der Weltmeisterschaft 1950, die beide in Brasilien ausgetragen wurden, sowie den sensationellen Sieg Argentiniens bei der Taça das Nações 1964.

"Mit den drei WM-Titeln zwischen 1958 und 1970 wuchsen der Respekt und die Bewunderung der Argentinier für die Brasilianer, aber auch die Rivalität zwischen den Fans der beiden Teams. Bei der WM 1978 sangen die argentinischen Anhänger ein Lied gegen Brasilien", erzählt der Historiker Osvaldo Gorgazzi.

Trotz der innigen Feindschaft bewundern die Argentinier die brasilianischen Spieler. Wie eine kleine Umfrage des Journalisten Eduardo Cantaro unter Fans, Spielern und Kollegen ergeben hat, geniessen Ronaldo, Ronaldinho und Pelé bei den argentinischen Gegnern die grösste Bewunderung.

Hoch im Kurs steht bei den argentinischen Anhängern auch das brasilianische "jogo bonito", das von so grossartigen Spielern wie Sócrates, Garrincha, Rivaldo, Romario, Zico, Roberto Carlos, Rivelino und zuletzt Neymar zelebriert wird.

Julio Olarticoechea, der mit Argentinien 1986 den WM-Titel gewann und 1990 in Italien Brasilien aus dem Turnier warf, sieht folgenden Unterschied zwischen den beiden Spielkulturen: "Die Brasilianer wollen stets ihr Spiel spielen, egal, wie es steht. Sie stürmen nicht einfach blind los, weil sie wissen, dass sie jederzeit ein Tor schiessen können –vielleicht auch erst in der letzten Minute. Die Argentinier hingegen haben mehr Biss. Auch sie sind Klassespieler, aber weitaus schmiegsamer und elastischer."

Spiegelbild der beiden Spielkulturen sind auch die beiden landestypischen Tänze – der Tango und die Samba –, die unterschiedlicher nicht sein könnten, aber beide viel Geschick und Übung erfordern.

Argentinien und Brasilien haben sich über all die Jahre viele denkwürdige Duelle geliefert. Zuletzt hatten in diesem Superklassiker des südamerikanischen Fussballs allerdings stets die Brasilianer das bessere Ende für sich, etwa 2004 im Finale der Copa América in Peru, das die Canarinha im Elfmeterschiessen für sich entscheiden konnte, oder in den Endspielen des FIFA Konföderationen-Pokals 2005 (4:1) und der Copa América 2007 in Venezuela (3:0).

Aus diesem Grund unterstützen die argentinischen Fans auch stets die Gegner Brasiliens und hoffen auf eine Niederlage des grossen Nachbarn, egal, wer der Gegner ist. Fazit: Die Argentinier bewundern die brasilianischen Spieler, wenn diese mit ihren Klubs spielen, aber wehe sie haben in der Nationalmannschaft Erfolg...