Anlässlich des hundertjährigen Jubiläums des Gewinns der Copa del Rey 1920 durch den FC Barcelona, blicken wir in dieser Woche darauf zurück, wie der spanische Fussball vor hundert Jahren aussah. Dabei untersuchen wir auch eine der grössten historischen Kuriositäten des Fussballs - nämlich wie Barcelona acht spanische Meisterschaften vorenthalten wurden.

Am Samstagnachmittag des 2. Mai 1920 machte sich Joan Gamper auf den Weg zum Camp de la Indústria, dem Gelände des FC Barcelona. Dort wartete er zusammen mit einer Reihe von Anhängern und Funktionären des Klubs, den er 21 Jahre zuvor gegründet hatte, auf die Nachricht vom Finale der nationalen Meisterschaft, das am Nachmittag in Gijón ausgetragen wurde. Barcelona traf auf den mächtigsten Klub des Landes, den berühmten Athletic Bilbao, der bereits sieben spanische Meisterschaften gewonnen hatte und bei seinem achten Titel anstrebte.

Barcelona Campeon!
Als das Telegramm eintraf, brachte es überraschende Nachrichten. Barcelona hatte den baskischen Rivalen mit 2:0 geschlagen und war zum vierten Mal spanischer Meister geworden. Laut La Vanguardia folgte auf die Bekanntgabe des Ergebnisses durch Gamper "tosender Applaus", und die Nachricht verbreitete sich schnell in der Stadt. "El FC Barcelona, Campeon" titelte am 6. Mai 1920 in El Mundo Deportivo stolz unter dem Banner "Campeonato de España de Futbol", während La Vanguardia "El Barcelona, campeón de España" titelte. Als das Team zurück in der Estación del Norte ankam, wurde der Zug von mehr als 6.000 Anhängern empfangen, während das Team aus den Fenstern des Zuges winkte, als er sich dem Bahnsteig näherte.

Joan Gamper - Gründer und Präsident des FC Barcelona | ©Public Domain
Den Gewinn der spanischen Meisterschaft ist etwas, woran sich die Menschen im modernen Barcelona gewöhnt haben. Der Titelerfolg 2019 war der insgesamt 26. und die Mannschaft jagte einen 27., bevor die Saison durch das Coronavirus unterbrochen wurde. Aber die Rekordbücher verzeichnen auch den ersten dieser Titel im Jahr 1929, dem Jahr der Gründung der spanischen Liga. Was hat es damit auf sich?

Aus der FIFA ausgeschlossen
Die Antwort liegt in der Frühgeschichte des Fussballs in Spanien. Für grosse Länder wie Spanien, Deutschland, Italien, Frankreich, Schweden und Norwegen stellte die Entfernung zwischen den Städten enorme logistische Herausforderungen dar, so dass das Spiel zunächst nach regionalen Kriterien organisiert wurde. Obwohl Spanien 1904 als eines der Gründungsmitglieder der FIFA aufgeführt ist, wurde es aufgrund des Fehlens eines nationalen Verbandes bis zur Gründung der Real Federación Española de Futbol im Jahr 1913 aus der FIFA ausgeschlossen. Erst weitere sieben Jahre später, im August 1920 bei den Olympischen Spielen in Antwerpen, traten die Spanier zum ersten Mal bei einem Länderspiel an.

Spanien hatte den Ersten Weltkrieg von den Seitenlinien aus beobachtet, so dass der Fortschritt des Fussballs im Land ununterbrochen weiterging, während er anderswo zum Erliegen gekommen war. Doch dieses Wachstum war stark lokal geprägt. Nicht einmal die Grippepandemie von 1918 bis 1920 konnte den Fussball stoppen. Eher ungerechterweise wurde sie als Spanische Grippe bekannt. Nicht weil sie von dort ausging, sondern weil im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern, in denen es kriegsbedingte Berichterstattungsbeschränkungen gab, in Spanien frei über die Pandemie berichtet wurde. Spanien wurde zum sichtbarsten Opfer der Krise und gab ihr so ihren Namen.

Die Copa del Rey
Wie jedes Jahr seit 1902 spielten auch 1920 die Sieger der regionalen Ligen des Landes am Ende der Saison in einem einfachen K.o.-Turnier um den nationalen Meistertitel. Und hier wird es interessant, denn die Trophäe, die ihnen als nationaler Meister überreicht wurde, war die Copa del Rey. Dieselbe Copa del Rey, die die spanischen Pokalsieger heute erhalten. Trotz der Einführung der nationalen Liga im Jahr 1929 wurde der Copa del Rey als Saisonabschluss-Wettbewerb zwischen regionalen Mannschaften bis in die 1950er Jahre fortgesetzt. Erst dann wurde er, ganz im Sinne seines Names, zu einem Pokalwettbewerb. Das bedeutet, dass der Triumph von Barcelona 1920 heute entweder absichtlich oder unabsichtlich nicht als nationale Meisterschaft, sondern als Pokalsieg gewertet wird!

Zeitungsartikel über den Gewinn der spanischen Meisterschaft 1920 durch den FC Barcelona (6. Mai 1920) | ©El Mundo Deportivo
In dieser Hinsicht unterscheidet es sich von Deutschland, das vor dem Aufkommen der Bundesliga ein ähnliches System hatte. Dort spielten die Regionalliga-Sieger am Saisonende auch ein K.O.-Turnier, dessen Sieger heute genauso als Deutscher Meister anerkannt wird, wie die Gewinner der Bundesliga. Das Fehlen eines ähnlichen Status in Spanien erscheint besonders für die beiden Finalisten des Turniers von 1920 ziemlich brutal. Barcelona gewann vor 1929 acht Titel, während Athletic Bilbao mit neun Titeln sogar noch besser abschnitt. Damit war die beiden Mannschaften die mit Abstand erfolgreichsten Mannschaften dieser Ära.

Ein matschiges Spielfeld und zwei Engländer
Vor hundert Jahren, am 2. Mai 1920, betraten Barcelona und Athletic das regnerische und schlammige Spielfeld von El Molinón in Gijón. Im Jahr 1920 galt El Molinón als eines der besten Stadien des Landes. Vollkommen eingezäunt, verfügte es über eine neue Holztribüne, die einigen wenigen glücklichen Zuschauern an diesem Tag Schutz vor dem Regen bot. Fast das gesamte Publikum, das die offenen Tribünen bevölkerte, waren Basken, die den kurzen Weg von Bilbao entlang der Küste zurückgelegt hatten, und ihr Team lautstark unterstützen und dem achten Titelgewinn zuversichtlich entgegenfieberten.

Die Mannschaften wurden beide von einem Engländer trainiert. Billy Barnes war "El Mister" bei Athletic. Im Jahr 1902 hatte er das Siegestor im Pokalfinale für Sheffield United geschossen. Dies war bereits seine zweite Amtszeit bei Athletic, nachdem er sie 1915 und 1916 zum spanischen Pokalsieg geführt hatte. Im Jahr 1921 sollte er ein drittes Mal gewinnen. Doch 1920 sollte das Jahr seines Landsmannes Jack Greenwell werden, in England wenig bekannt, aber in Spanien mit einem hervorragenden Ruf. Greenwell war 1912 als Spieler zu Barcelona gekommen und übernahm 1917 das Traineramt, das er bis 1923 innehatte - er war der dienstälteste Trainer des Klubs, bis er sieben Jahrzehnte später von Johan Cruijff überholt wurde. Im Jahr 1929 führte er Barcas' Rivalen Español in die Copa del Rey, floh aber bei Ausbruch des Bürgerkriegs aus Spanien und führte Peru 1939 zum Gewinn der Copa América - der einzige nicht-südamerikanische Trainer, der jemals diesen Titel gewann.

Ricardo Zamora - Torhüter des FC Barcelona, etwa 1920 | ©Getty Images
Zwei Mannschaften für die Ewigkeit
Die Aufstellungen beider Mannschaften haben ihren Glanz über die Jahrzehnte nicht verloren. Einem der grössten Torhüter aller Zeiten, Ricardo Zamora, stand Athletic-Stürmer Rafael Moreno, besser bekannt als Pichichia gegenüber, einer der berühmtesten Spanischen Anfreifer. Beide geben nun ihre Namen für die jährlichen Auszeichnungen in Spanien für den besten Torhüter und den besten Torschützen.

Die Mannschaft von Barcelona enthielt darüber hinaus einige der ikonischsten Namen in der Geschichte des Klubs. Josep Samitier hat eine Strasse, die zum Camp Nou führt, nach ihm benannt, während der auf den Philippinen geborene Paulino Alcántara der jüngste Spieler bleibt, der für Barcelona gespielt und Tore erzielt hat. Im Pokalfinale 1920 war er gerade einmal 24 Jahre alt, war aber bereits seit zehn Jahren für den Klub tätig, nachdem er sein Debüt im Alter von 15 Jahren gegeben hatte. Félix Sesúmaga stand zum zweiten Mal in Folge im Finale, nachdem er es 1919 mit Arenas gewonnen hatte. 1923 sollte er mit Athletic einen dritten Titel gewinnen.

La Furia
Bei Athletic war José Maria Belauste der bekannteste Spieler neben Pichichi. Er gewann insgesamt sechs spanische Meistertitel mit Bilbao. Er war Kapitän der spanischen Nationalmannschaft, als diese drei Monate später bei den Olympischen Spielen in Antwerpen ihr erstes Länderspiel bestritt und er führte die Mannschaft zur Silbermedaille. Der grosse stämmige Mittelstürmer war ein glühender baskischer Nationalist und hatte sich geweigert, bei den Spielen die spanische Flagge zu tragen. Ironischerweise lebt sein legendärer Beitrag zur spanischen Nationalmannschaft dank seines Spitznamens bis heute weiter. Bei einem Freistoss während der Partie gegen Schweden rief er seinem Teamkollegen Sabino Bilbao zu. "Gib mir den Ball, Sabino, und ich werde sie zerquetschen!" Sabino gehorchte, Belauste traf mit einem kräftigen Schuss und die Legende von La Furia war geboren.

Eine kontroverse Schiedsrichterentscheidung
Ironischerweise war es keiner der Spieler oder Trainer, der nach dem Spiel die meiste Resonanz in den Medien fand, sondern Schiedsrichter Betrán de Lis, der Präsident des spanischen Schiedsrichterverbands. De Lis, der aus Madrid stammte, sprach Athletic zu Beginn des Spiels nach einem Handspiel von Barcelona-Verteidiger Galicia einen Elfmeter zu. José María Laca erzielte einen Treffer, doch De Lis liess das Tor nicht zu, nachdem Athletic-Stürmerkollege Germán Echevarría in den Strafraum eingedrungen war. Doch anstatt Athletic anzuweisen, den Schuss zu wiederholen, wie es die Spielregeln vorsahen, entschied er sich stattdessen auf Freistoss für Barcelona.

El Molinón, Gijón, 2. Mai 1920

BARCELONA 2-0 ATHLETIC BILBAO

Tore: Martínez 70, Alcántara 80
Schiedsrichter: Beltrán de Lis
Zuschauer: 10’000

Barcelona
RicardoZamora - Coma, Galicia - Ramón Torralba, Agustín Sancho, Josep Samitier- Viñals, Félix Sesúmaga, Vicente Martínez, Paulino Alcántara, Plaza.
Trainer: Jack Greenwell ENG

Bilbao
JuanJosé Amann - Domingo Acedo, Luis Hurtado - Sabino Bilbao, FranciscoBelauste, Jesús Eguiluz - Serra, Rafael Moreno 'Pichichi', José MaríaBelauste, José María Laca, Germán Echevarría.
Trainer: Billy Barnes ENG
 

Wer weiss, wie das Ergebnis ausgefallen wäre, wenn Laca den Schuss hätte wiederholen dürfen und ein Tor erzielt hätte. Es wird sicherlich auch heute noch von den Anhängern von Athletic Bilbao als grosse Täuschung angesehen, auch wenn sie inzwischen genügend Zeit hatten, die Situation zu vergessen. Der erste Treffer fiel erst 20 Minuten vor Schluss, und zwar für Barcelona. Vicente Martínez köpfte eine Flanke von Miguel Plaza ins Tor. Fünf Minuten später wurde Martínez dann zum Vorlagengeber, als er zu Alcántara passte, der das 2:0 für Barcelona erzielte. Die Katalanen waren zum vierten Mal spanischer Meister.

Die verlorenen Titel
Barcelona sollte das Turnier in den 1920er Jahren dominieren und gewann die Endspiele 1922, 1925, 1926 und 1928, bevor es 1929 auch die erste Saison der La Liga gewann. Tatsächlich war Barcelona zusammen mit Athletic und Real Unión Irún die einzige Mannschaft, die in diesem Jahrzehnt zum Meister gekrönt wurde. Aber sie alle sind vergessene Meister. Wer nach ihnen sucht, wird keine offiziellen Aufzeichnungen finden, die Real Unión Irún als Meister von Spanien ausweisen. Pokalsieger, ja. Meister, nein.

Vor 1929 gewannen nur sechs Mannschaften die spanische Meisterschaft - Athletic Bilbao (9), Barcelona (8), Madrid FC (5), Real Unión Irún (4), Real Sociedad (1) und Arenas (1). Rechnet man diese Zahlen zur Liste spanischer Meister hinzu, erhält sie ein neues Gesicht. Read Madrid würde mit 38 Titeln immer noch an der Spitze der Liste stehen, aber Barcelona läge mit 34 Titeln nur noch mit vier statt wie aktuell mit sieben Titeln dahinter. Vielleicht werden die Fans von Athletic Bilbao eines Tages die Tatsache feiern, dass ihr Klub 17 Mal spanischer Meister geworden ist und damit sieben Mal mehr als der derzeit drittplatzierte Atlético Madrid mit zehn Titeln. Und auf dem sechsten Platz sässe stolz der Neuling Real Unión Irún, der nur zwei Meisterschaften hinter Valencia läge.

 

Im nächsten Teil unserer Serie von Beiträgen, die 100 Jahre auf die Saison 1919-20 zurückblicken, konzentrieren wir uns darauf, wie die All-American Ben Millers aus St. Louis eine mit schottischen Importen gespickte Fore River-Mannschaft besiegten, um den US Open Cup 1920 zu gewinnen.