Kaum ein Spiel in der jüngeren WM-Geschichte war politisch so brisant wie die Partie am 21. Juni 1998 im Stade de Gerland in Lyon. Mit dabei war auch Hamed Reza Estili, der an diesem Tag zum Volkshelden avancieren sollte.

Die Partie stiess nicht nur bei Fussballfans auf enormes Interesse. Trotz aller Spannungen machten die beiden Teams ihren Ländern alle Ehre, spielten resolut, aber jederzeit fair.

Für dieses mustergültige Verhalten wurden die beiden von der FIFA später gar mit dem Fairplay-Preis ausgezeichnet, der nun neben dem Hemd des iranischen Helden Hamed Reza Estili in unserer WM-Ausstellung von 1998 zu sehen ist.

Das von Hamid Estili im Spiel gegen die USA getragene Trikot | ©FIFA Museum
Die Medaille, welche die FIFA nach der Weltmeisterschaft 1998 dem Iran und den USA verlieh und die im FIFA Museum ausgestellt ist | ©FIFA Museum

Die beiden Exponate sind sinnbildlich für dieses Spiel, das so viel Sprengkraft bot, letztlich aber als eine der sportlich fairsten Partien in die Geschichte einging.

Dabei hatte das Machtgehabe zwischen den beiden Ländern, die auf dem politischen Parkett seit Jahrzehnten die Klingen kreuzen, mit der Auslosung der beiden in dieselbe Gruppe einen neuen Höhepunkt erreicht.

Fans, Intellektuelle, Medien und sogar Politiker debattierten darüber, wer das sportliche Gefecht gewinnen würde. Der Präsident des US-Fussballverbands sprach gar vom „Spiel der Spiele“. Es war auf jeden Fall eine Begegnung, die weit über die beiden Länder hinaus ein grosses Echo fand und bei der es für viele um mehr als um den Einzug ins Achtelfinale ging.

Nach den Auftaktniederlagen der beiden – 0:2 der USA gegen Deutschland und 0:1 der Iraner gegen Jugoslawien – wurde der Druck noch grösser.

Neben einem Prestigeerfolg ging es für die beiden ideologischen Gegner auch ums sportliche Überleben. Drei Punkte waren daher Pflicht.

Dennoch war die Stimmung gelöst, sicherlich auch, weil der 21. Juni von der FIFA zum Fairplay-Tag ernannt worden war. Der iranische Kapitän Ahmedreza Abedzadeh überreichte seinem Kollegen vom US-Team, Thomas Dooley, zum Auftakt gar einen grossen Blumenstrauss, ehe die beiden Mannschaften als Zeichen der Verbundenheit gemeinsam für ein Foto posierten.

Der iranische Kapitän, Ahmad Reza Abedzadeh, überreicht vor dem Spiel seinem Gegenüber Thomas Dooley Blumen | ©Imago/Sven Simon

Mit dem Anpfiff durch den Schweizer Schiedsrichter Urs Meier war die Spannung aber wieder da. Beide Teams kämpften um die Vormacht, bis die Iraner fünf Minuten vor der Pause zum entscheidenden Schlag ansetzten.

Javad Zarincheh flankte von rechts genau auf den herbeigeeilten und sträflich allein gelassenen Estili, der aus elf Metern zu einem Kopfball ansetzte. Kasey Keller konnte sich noch so lang machen, er kam nicht mehr ran.

Hamid Estili (9) feiert seinen Treffer zum 1:0 im Gruppenspiel Iran - USA bei der Weltmeisterschaft 1998 | ©Imago/Sven Simon
Nach seinem Coup gab es bei Estili kein Halten mehr. Mit ausgestreckten Armen rannte er los, um mit seinen Mitspielern die erstmalige Führung der Iraner in einem WM-Spiel zu feiern.

„Im Mittelfeld hatte [Karim] Bagheri gegen vorne mehr Platz als ich“, erzählte Estili im Januar 2000 dem offiziellen Magazin der asiatischen Fussballkonföderation „Football Asia“.

„Ich sah, dass Bagheri noch immer in unserer Hälfte war. Als Mehdi Mahdavikia und Javad Zarincheh auf der rechten Seite waren, entdeckte ich zwischen [Khodadad] Azizi und [Ali] Daei eine Lücke. Ich rannte in den Strafraum, nahm den Ball mit dem Kopf und traf ins Tor.“

„Ich konnte es kaum glauben, als das Spiel vorbei war. Alle weinten. Wir hatten die USA geschlagen.“

Estilis spektakuläre Führung erhöhte Mahdavikia sechs Minuten vor Schluss auf 2:0. Nach einem Sprint über 45 Meter versenkte er den Steilpass von Daei in die lange Ecke. Den USA gelang nur noch der Ehrentreffer durch Brian McBride in der 87. Minute.

„Leute von 5 bis 95 bewundern mich für dieses Tor“, schwärmte Estili einige Jahr nach dem berühmten Treffer.

„Viele Iraner, die im Ausland leben, sagen nun mit Stolz, dass sie Iraner sind. Dieser Sieg hat alle Iraner vereint.“

Auch auf den Rängen waren für die Dauer des Spiels alle Meinungsverschiedenheiten vergessen | ©Imago/Sven Simon